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Wort des Monats

Unter dem Rubrum »Wort des Monats« entsteht hier eine laufende, monatlich erweiterte Liste bemerkenswerter Worte und Wörter, in der sprachlich aufregende Kandidaten kommentiert, ihr historisch-etymologischer Gehalt erhellt und ihre Verwendungsweisen veranschaulicht werden.

Viel Spaß bei der Lektüre!

MÄRZ 2013

Krieg

Kinofreunde werden sich an das schöne Harry-Lime-Zitat aus Carol Reeds britischem Film noir The Third Man (1949) erinnern. Darin sagt der von Orson Welles gespielte und so charismatische wie skrupellose Geschäftemacher zu seinem ehemaligen Freund Holly Woods den bedenkenswerten Satz: »Denk dran, was Mussolini gesagt hat: In den dreißig Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Terror und Blut, aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe - 500 Jahre Demokratie und Frieden -, und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!« Der Krieg setzt offenbar die größeren innovatorischen Energien frei als der dumpfe Zustand des Friedens. Schon der Vorsokratiker Heraklit, der einzige, den Nietzsche als philosophischen Vorläufer halbwegs gelten ließ, bezeichnete den Krieg als »aller Dinge Vater, aller Dinge König«. Und es ist ja richtig: Ohne Krieg - oder sagen wir besser: ohne die Möglichkeit des Krieges und eine planende und antizipierende militärische Ratio - hätten wir wohl keine Mobiltelefone, kein Satellitenfernsehen und auch kein Internet. Und so kann es uns Hobbyetymologen auch nicht verwundern, dass das Wort »Krieg« über ein paar Umwege mit dem Adjektiv »kregel« verwandt ist. Das bedeutet munter, beweglich, gesund, rüstig, wörtlich - so heißt es im Wahrig - immer zum Kampf bereit. Wenn man nicht in ihm umkommt, hält der Krieg bzw. die Vorbereitung auf ihn also körperlich und geistig munter und fit, während lange Friedenszeiten potenziell drohen, Verdoofungsspiralen in Gang zu setzen. Für die körperliche Kregelheit sorgt man in Zeiten des Nichtkrieges in den westlichen Gesellschaften ja gern durch Wellnessaktivitäten. Unvorstellbar dagegen, in den jugoslawischen Kriegen am Ende des 20. Jahrhunderts auf ihre Pulsmessgeräte checkende kosovarische Jogger oder bikende Bosniaken zu treffen.

Der Krieg hält aber nicht nur beweglich und flexibel - und erfüllt damit die Anforderungen an das ideale Subjekt im Neoliberalismus aufs Vortrefflichste -, er ist auch anstrengend. Und das ist die genaue Bedeutung des mittelhochdeutschen »kriec«. »Kriec« bedeutet Anstrengung, Bemühen, Streben, Streit, Kampf. Darin ist er im Übrigen auch erstaunlich nahe an der wörtlichen Bedeutung des arabischen Begriffes »Dschihad«.

Im Streben ist das Streiten offenbar schon irgendwie angelegt. Wer etwas unbedingt will, läuft Gefahr, zwangsläufig mit anderen Wollenden in Streit zu geraten. Man sollte also nicht wollen, will man den Weltfrieden. Alles scheint ein bisschen auf eine zen-buddhistische (Er-)Lösung vom trügerischen Ego hinauszulaufen. Aber wer will die schon?

FEBRUAR 2013

Elend

Der Februar ist elend kurz, also darf auch das Wort dieses nach dem lateinischen »februare«, reinigen, benannten Monats auf etwas spärlicherem Raum als gewohnt vorgestellt werden. Ein Reinigungsmonat ist der Februar übrigens, weil die Römer im Februar, welcher nach dem altrömischen Kalender den letzten Monat des Jahres bildete, allerlei Sühne- und Purifizierungsriten abhielten - eine schöne, aber inzwischen doch ein wenig veraltete Bezeichnungsalternative für den Februar ist »Hornung«: Im Februar wirft der Rothirsch sein Horn oder Gehörn ab und beginnt mit dem Schieben eines neuen Geweihs. Eine andere Hornung-Erklärung leitet den Namen vom »Horen«, dem Herumhuren bzw. Sich-Paaren ab, vielleicht im Zusammenhang mit den notorischen Fastnachtsentgleisungen im Februar.

Aber übers Elend wollten wir sprechen. Die Herkunft des Wortes legt beredtes Zeugnis darüber ab, dass es früher als der Inbegriff des Schrecklichen gegolten hat, in der Fremde leben zu müssen, fern vom Vaterland, ob nun als Verbannter, in fremden Landen Kämpfender oder aus anderen Gründen. Denn »Elend« kommt vom althochdeutschen »ali-lanti« bzw. »eli-lenti«, und das bedeutet eben so viel wie anderes Land. Der Kosmopolitismus und die Verklärung von Nomadentum und Hybrid-Identitäten, wie sie im Postmodernismus betrieben wird, können damals noch nicht besonders stark verbreitet gewesen sein. Erst später übertrug man »Elend« auch auf weitere Bereiche von Not, Armut, Qual und Jammer. Das Antonym, den Gegensatzbegriff, zu Elend bildete also zunächst die Heimat, später konnte man dann auch in der Heimat fremd, in einem anderen Land, elend, elsewhere, also anderswo, sein.

JANUAR 2013

Buchstabe

Auch hier haben wir es mit einem Wort zu tun, welches wir so oft gebrauchen, dass wir seine Vertracktheit und von einem gehörigen Maß an spekulativem Nebel umwaberte Entstehungsgeschichte gar nicht so recht vor Augen haben. Das Bekannte, sagte Hegel einmal, sei ja gerade, weil es bekannt sei, nicht erkannt - ein Gedanke, aus dem heraus im Übrigen sämtliche Verfremdungseffekttheorien, von den Russischen Formalisten über Bertolt Brechts episches Theater, ihre Legitimation beziehen. Dass der Buchstabe mit dem Buch zu tun hat, leuchtet spontan ein: Buchstaben, na klar, das sind doch diese Dinger in Büchern. Aber warum heißt das Buch »Buch«? Weil die Holztafeln, in die man früher Schriftzeichen ritzte, aus dem Holz der Buche gewonnen wurden. Nun gut, was aber hat es mit dem zweiten Teil des Substantivkompositums auf sich, was mit dem Grundwort »staben«, zu dem »Buch« das diese »staben« näher erläuternde Bestimmungswort bildet? So viel scheint festzustehen: Die »staben« haben mit dem Stab zu tun. Spätestens hier scheiden sich dann allerdings die Geister. Der große deutsche Lexikograph Friedrich Kluge (1856-1926) leitet den Stab der Buchstaben in seinem Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache aus der Form der Runen ab: Fast alle dieser germanischen Schriftzeichen hätten einen senkrechten Hauptstrich, eben den Stab. Nach diesem sei das gesamte Zeichen bezeichnet worden, im Altnordischen als »(runa)stafr«. Um nun diesen »Runenstab« von den neuen lateinischen Schriftzeichen abzugrenzen, die nicht dafür bestimmt waren, in Metall, Stein oder Holz geritzt, sondern dafür, in - mittlerweile aus Pergament bestehende - Bücher geschrieben zu werden, sei man auf den Begriff »Buchstabe« gekommen.

Andere Stimmen bringen die aus dem harten und widerstandsfähigen Holz der Buche bestehenden Buchenstäbchen ins Spiel, auf welche die Runen geritzt worden seien - das Ritzen schwingt noch im englischen Wort für schreiben, »to write«, mit. Aus diesen Buchenstäbchen seien sprachgenetisch unsere Buchstaben entstanden. Die mit Runen markierten Stäbe dienten den Germanen vermutlich als magische Orakel zur Entscheidungsfindung. Dass es sich um einen geheimnisvollen, heiligen Akt gehandelt hat, der von priesterlichen Autoritäten durchgeführt wurde, ist noch heute dem mit der »Rune« verwandten »Raunen« abzuhören: Über das Mysterium darf nur leise flüsternd und vor allem nicht zu jedem gesprochen werden. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet im 1. nachchristlichen Jahrhundert von solchen germanischen Losorakeln. Dabei habe man mit Zeichen versehene Holzstäbchen auf ein weißes Tuch gestreut und anschließend drei dieser Stäbchen aufgehoben und interpretiert. Sollen wir die Römer gleich angreifen oder später?- Erst mal ein paar Stäbchen werfen. Diese These ist auch deshalb nicht unplausibel, weil Runen nicht nur wie unsere Buchstaben als Zeichen für Einzellaute verwendet, sondern auch als ideographische Bildzeichen eingesetzt wurden, bei denen eine einzelne Rune für ein ganzes Begriffsfeld respektive mehrere Wörter steht. So bedeutet die Rune »f« fehu, das Vieh, aber damit aufgrund des Besitzes dieser damals überlebenswichtigen beweglichen Güter zugleich Reichtum, Wohlstand, Fruchtbarkeit und Macht. Die f-Rune aufgelesen zu haben scheint also zunächst einmal zu den eher erfreulichen Auspizien gehört zu haben. Die Herleitung des Lesens von Buchstaben aus dem Auflesen der Buchenstäbchen durch die alten Germanen, die ihr Schicksal befragten, ist - wie das meiste, was hier steht - wissenschaftlich alles andere als in Stein gemeißelt, besitzt aber einen poetischen Wert, für den man gern auf die fetischisierte Wahrheit verzichtet.

DEZEMBER 2012

Ente

Eigentlich gibt's im Weihnachtsmonat Dezember im christlichen Abendland ja traditionell Gans, wir möchten uns hier allerdings der Gans des kleinen Mannes, eben der Ente, zuwenden. Und auch das nicht im knusprig-lukullischen Wortsinne, sondern im übertragenen. Der geflügelte Sinn der Ente ist die journalistische Falschmeldung - bewusst oder irrtümlich. Darüber, woher die Verbindung zwischen Federvieh und Fehlermeldung stammt, wird noch immer gestritten.

Eine Theorie leitet die Wendung aus dem Französischen ab: Im 16. und 17. Jahrhundert bedeutete »vendre un canard à moitié«, also wörtlich »Enten zur Hälfte verkaufen«, so viel wie lügen, täuschen, jemandem etwas vorspiegeln etc. Offenbar war damit also nicht der Verkauf der Ente zum halben Preis gemeint, sondern das Gegenteil: Der Verkäufer kassiert betrügerischerweise das Geld für eine ganze Ente, händigt dem getäuschten Käufer aber nur eine halbe aus. Im Laufe des 17. Jahrhunderts, so der Philologe Lutz Röhrich in seinem bereits mehrfach erwähnten Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, sei der Zusatz »à moitié« weggefallen, so dass nun die Ente allein und als solche mit der Bedeutung Lüge, Täuschung usw. versehen war. Einige Kommentatoren vermuten, dass die Ente überhaupt erst wegen des ihr nachgesagten laxen Brutverhaltens - um manche Eier wird sich sporadisch gekümmert, um andere gar nicht - mit dem Attribut des Nichtgesicherten und Fragwürdigen ausgestattet wurde.

Eine weitere abenteuerliche Herkunftsgeschichte verknüpft die Zeitungsente mit einer im 18. Jahrhundert in Frankreich kolportierten Anekdote über den Entenfang: Hierfür sei eine Eichel mit einem Extrakt aus Sennesblättern und der Jalapepflanze zu präparieren, an einem starken Faden zu befestigen und ins Wasser zu halten. Schon bald werde eine Ente die schmackhafte Eichel verspeisen, wegen der abführenden Wirkung des beigegebenen pflanzlichen Extrakts aber sofort wieder ausscheiden. Daraufhin werde die nächste Ente die ausgeschiedene Eichel verschlingen, bis am Ende eines langen Marsches durch Entenmägen und -därme eine erkleckliche Menge Federviehs an einem Faden hänge. Mit einer einzigen Eichel könne man sich somit einen leckeren Braten für die ganze Großfamilie fangen, nur müsse man aufpassen, dass sich die Enten nicht in die Lüfte erheben und der Fänger gleichsam zum Gefangenen werde. Dieser absurde Husarenstreich nach Art Münchhausens, so diese Deutungsschule, sei dafür verantwortlich, dass die hanebüchene Zeitungsmeldung mit dem Ententier verbunden werde.

Damit nicht genug: Die Gebrüder Grimm weisen in ihrem Deutschen Wörterbuch u. a. auf Martin Luther, Sebastian Brant und andere Autoren aus der Reformationszeit hin, die den Begriff »blaue Ente« im Sinne von Lüge, Fabel, leeres Gerede gebraucht hätten. Besonders Luther habe mit den Worten, dass »an stat des evangelii und seiner auslegung widerumb von blaw Enten gepredigt wird«, Kritik am Inhalt zeitgenössischer Kirchenpredigten geübt. »Blau«, so die Grimms, weil Blau als Farbe des Nebelhaften, Unklaren und Nichtigen gelte: Man redet oder lebt ins Blaue hinein und macht jemandem blauen Dunst vor (doch zur Komplexität der Blausymbolik ein andermal, sonst kommen wir vom Regen in die Traufe).

Und noch ein bedeutungsgebendes Tertium comparationis haben die Grimms zwischen der Ente und der Falschmeldung ausgemacht. Wie die Enten auf dem Wasser hin und her getragen werden, wie sie fortschwimmen und dann plötzlich wieder auftauchen, so sei es auch mit der Zeitungsente; hier steht allerdings zu vermuten, dass das eher auf die hartnäckigeren urban legends zutrifft.

Ebenfalls aus der Reformationszeit stammt die Verballhornung des Begriffes der »Legende« zur »Lügende« und schließlich zur »Lügente«. Gut möglich, dass auch die »Lügente« und eine spätere Abschleifung ihrer ersten Silbe dazu beigetragen hat, dass die Ente zur Zeitungsente geworden ist.

Eine weitere Deutung leitet die Ente im hier behandelten Sinne vom journalistischen Abkürzungsvermerk »n. t.« ab. Der steht für das lateinische »non testatum«, also »nicht bestätigt«. Dieser Vermerk wurde bereits seit dem 17. Jahrhundert Zeitungsmeldungen nachgestellt, deren Quellen nicht verbürgt und die damit nicht verifiziert waren. Sie konnten stimmen, aber auch falsch sein. Spricht man die beiden Konsonanten der Abkürzung aus, kommt man auf die »Ente«. Die Vorstellung, dass in einer hektischen Redaktionsstube ein Journalist dem anderen »Das ist aber eine n. t.« zuruft und sich daraus unsere »Ente« entwickelt hat, klingt plausibel. Einige Etymologen halten diese Herleitung allerdings - für eine Ente.

NOVEMBER 2012

Etwas geht auf keine Kuhhaut

Wenn wir sagen, dass etwas auf keine Kuhhaut gehe, dann meinen wir, dass etwas Bestimmtes - eine Verhaltensweise, ein Sachverhalt - jedes normale, übliche und erträgliche Maß übersteigt. Eine moralisierende Negativwertung ist also mit dem, was da offenbar nicht mehr auf die Hautoberfläche des weiblichen Rindes passt, verbunden. »Seine hohe Quote gefährlicher Foulspiele geht auf keine Kuhhaut.« - »Die Fehler in diesem Text gehen auf keine Kuhhaut« etc. Aber wieso »Haut« und weshalb denn ausgerechnet »Kuh«? Der Redensart liegt die mittelalterliche Vorstellung zugrunde, dass der Teufel auf einer Kuhhaut die Sünden der Sterblichen notiere, um so eine Urteilsgrundlage fürs göttliche Jüngste Gericht am Ende der Zeit zu schaffen (vgl. Röhrich ³2003: 906 f.). Etwas befremdlich ist dabei, dass der Teufel in dieser Erzählung nicht etwa als Gegenspieler Gottes fungiert, sondern diesem als eine Art Belastungsmaterial sammelnder Stasispitzel Zuträgerdienste leistet. Hatten wir das nicht anders gelernt? Und kann der, der den Bösen zu seiner Belegschaft zählt, noch uneingeschränkt gut sein, wie es vom christlichen Gott ja immer wieder behauptet wird? Wie dem auch sei, die besondere Pointe der Redensart ist die folgende: Normalerweise dienten im Mittelalter Schafs- oder Kalbshäute als Zeichenträger. Wenn nun die sehr viel größere Haut einer Kuh zum Pergament verarbeitet wird und noch nicht einmal darauf alle Sünden Platz finden, dann muss einer gewaltig gesündigt und sich die Fahrt in die ewige Verdammnis der Hölle redlich verdient haben.

Heute wird die Wendung ganz ohne eschatologische Hintergedanken verwendet - sie hat sich säkularisiert. Einzig die negative Bedeutung ist geblieben: Millionen bunter Blumen oder die zahlreichen Taten eines Helden gehen eben nicht auf keine Kuhhaut. Was dort Platz findet, hat auch in der profanen Redensart die Bedeutung: nervt, stört, ist prinzipiell nicht erfreulich.

OKTOBER 2012

Blaues Blut in den Adern haben

Von Adligen heißt es in übertragener und mitunter scherzhafter Bedeutung in den einschlägigen Klatschblättern für die Dame mittleren Alters noch immer hin und wieder, es fließe blaues Blut in ihren Adern. Der Ausdruck ist seit Anfang des 19. Jahrhunderts bei uns überliefert. Im spanischen Mittelalter, aus dem der Begriff stammt, hat man die Sache allerdings noch ganz wörtlich verstanden. Das sangre azul schrieb man den kastilischen Aristokraten zu, weil sich ihre Adern im Gegensatz zu denen der übrigen Bevölkerung blau unter der helleren Haut abzeichneten. Das lag an dreierlei: Kastilische Aristokraten stammten von den Westgoten ab und hatten ab ovo einen blasseren Teint als der Rest der Bevölkerung. Zudem heiratete man mit Vorliebe nordeuropäische Aristokraten, wodurch - und damit - sich das blaue Blut in der Generationenfolge weiter fortpflanzte. Des Weiteren arbeitete man nicht, war dadurch nicht der brennenden Sonne ausgesetzt und hielt auch so seine Epidermis weiß. Da helle Haut als schön, dunkle dagegen als inferior galt, sorgte man in den höheren Ständen selbst dafür, sich vor dem Sonnenlicht zu schützen. Auf keinen Fall wollte man mit gemeinen Feldbauern verwechselt werden.

Die Adelung heller Haut als schön mag in ihren tieferen Wurzeln auf die platonische Lichtmetaphysik zurückgehen: Das reine Licht ist farblos und die Farbe Weiß kommt dem am nächsten. Es ist im Platonismus zugleich das Licht der Wahrheit und des Göttlichen. Je mehr unreine Materie am Einzelnen klebt, je mehr Stoff statt Form, desto makelbehafteter ist auch seine Erscheinung. Das Dunkle ist Chiffre des Kreatürlichen, das Helle steht fürs Geistige. Und so ist es nur folgerichtig, wenn beispielsweise der Frühklassizist Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) unter Berufung auf Platon, nach dem man die weißhäutigen Knaben »Kinder der Götter« genannt habe, dunkle Haut als ernsthaftes ästhetisches Problem betrachtet; allerdings, konzediert Winckelmann, könne der »Mohr« die Widrigkeit seiner Hautfarbe durch eine schöne Form teilweise wettmachen.

Wie dem auch sei: Physikalisch jedenfalls ist das Phänomen der Blaublütigkeit leicht erklärt: Der rote Anteil des auf die Haut fallenden Lichtes ist langwellig und dringt daher tief ein und wird absorbiert. Sein blauer Anteil ist dagegen kurzwellig und wird von den Adern reflektiert. Eine Ironie der Geschichte der Schönheit ist es nun freilich, dass heute der dunkle Teint in vielen Kreisen wieder als hübsch gilt und häufig auch mit Hilfe der Solarienbräunung erzielt wird. Liegt das daran, dass das Nichtarbeiten in Gestalt der Arbeitslosigkeit heute zum Makel geworden ist? Oder hat es - umgekehrt - damit zu tun, dass es die Arbeit unter freiem Himmel in den westlichen Gesellschaften immer seltener gibt und daher die braune Hautfarbe nicht mehr als Zeichen niederer körperlicher Arbeit lesbar ist? Möglicherweise soll der braune Teint einfach nur sagen: »Seht her, ich kann mir eine Reise in den Süden leisten.« Nur: In Zeiten des Pauschaltourismus und der Billigflieger können das recht viele. Ein Rest von Rätsel also bleibt.

SEPTEMBER 2012

Kotzebues Werke studieren

Es ist schon ein bisschen tragisch: August von Kotzebue (1761-1819) war der erfolgreichste Schriftsteller und Dramatiker seiner Zeit. Benannt wurde sie - gewiss nicht zu Unrecht - nach einem anderen, nach Geheimrat von Goethe, in dessen übergroßem Schatten der ein oder andere - man denke nur an den unglücklichen Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) - ein sehr mühsames Literatendasein fristete. Aber nicht das ist das eigentlich Schlimme: Das, woran man sich im Zusammenhang mit dem überaus produktiven Verfasser rührselig-sentimentalischer Bühnenstücke (über 200 Stück!) erinnert, ist am ehesten nicht etwa ein einzelnes Werk - oder wüssten Sie spontan eins? -, sondern eine Redensart.

Und diese Redensart wiederum bezieht sich auf den tabuisierten Bereich der Ausscheidungen, genauer: des Vomierens, des Sich-Übergebens, des Kotzens, wie es so derb wie gebräuchlich heißt. Und gerade weil das Wort kotzen als zu derb und zu tabuisiert empfunden wurde, kam es zur Bildung des Euphemismus Kotzebues Werke studieren. Oder darf man hier bereits auf Metakritik am Phänomen des Euphemismus schlechthin schließen, da die Verhüllung so verhüllend ja nun wirklich nicht ist - jedenfalls weit weniger verhüllend als etwa der propagandasprachliche Begriff der Vorwärtsverteidigung (statt Angriff) oder der ökonomische des Minuswachstums (statt Rezession)? Jedenfalls scheint bei Kotzebues Werken eine Prise Humor im Spiel, man erinnert sich an das Wort Scheibenkleister für das zu vermeidende Wort Scheiße. Auch hier, bei diesem überaus spießigen Wort derer, die sich voll verklemmter Unfreiheit nicht Scheiße zu sagen getrauen, wird ja nur pro forma verhüllt. Dass die Scheiße - in deren sprachlichem Erbgut noch gut hörbar das Scheiden steckt - gemeint ist, muss ja klar sein, sonst wird die Kommunikationabsicht nicht erfüllt. Man darf vermuten, dass weite Teile des sprachlichen Phänomens Euphemismus - darin der Ironie verwandt - zu den Arten und Weisen, etwas zu sagen, ohne es auszusprechen, zählen.

Heute ist es natürlich schon wieder ein Ausweis besonders abseitiger Bildung, wenn jemand leichenblass die Waschräume - noch so ein Euphemismus - aufsucht, »um Kotzebues Werke zu studieren«. Der Dichter ist einfach so gründlich vergessen, dass sein Name, dessen korrekte Aussprache gewiss vielen Rätsel aufgibt (es heißt nicht ›-büh‹ oder ›-bu'eh‹, sondern einfach ›-buh‹), noch nicht einmal mehr zur verballhornisierenden Verhüllung unappetitlicher Ausscheidungsvorgänge Verwendung findet. Vanitas vanitatum.

AUGUST 2012

mutterseelenallein

Alleinsein ist für viele schwer, für andere Gegenstand der Sehnsucht und das oft aus dem gleichen Grund: Wer allein ist, wird auf sein eigenes Fühlen und Denken zurückgeworfen, ist ganz bei sich, »alone«, wie der Engländer sagt - »all one«. Alles bezieht sich auf den einen, die eigene Person, und das ausnahmsweise mal nicht im plump materialistischen oder renommistischen Sinne. »Wer will da schon hin, zu sich?«, gruselt es die einen, während andere den Augenblick herbeisehnen, in dem die Welt endlich draußen bleiben muss. Alleinsein kann unangenehm sein wie Stille. Deshalb lärmt mancher, um das Schweigen des Universums nicht hören zu müssen. Lärmen kann dabei auch bedeuten: Golf spielen, Fonds verwalten, Makrameeblumenampeln stricken, Kinder großziehen. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger hätte wohl gesagt: Das sind jene, die in der Uneigentlichkeit des Man leben, weil ihnen der Mut zur Angst fehlt. Halten wir fest: Allein ist nicht unbedingt einsam und kann als schlimm oder im Gegenteil als wunderbar empfunden werden. Wer allerdings mutterseelenallein ist, hat sich auf keinen Fall aus eigenen Stücken zwecks Einkehr und Fassung klarer Gedanken von den anderen abgekehrt, sondern ist in fast schon metaphysischer, zumindest existenzieller Weise von den anderen verlassen worden. Die Mutter als Seinsgrund, aus dem man stammt, jene eine Person, die mir Welt ist, ist weg. Aber nicht nur das: Auch die Seele hat sich irgendwie davongemacht. Ohne Mutter, ohne Seele, nackt und schutzlos in eisiger Weltnacht - das wäre der Entwurzelungszustand, den das Wort zum Ausdruck brächte.

Wörter wie Barmherzigkeit, Freudenquell oder eben mutterseelenallein scheinen typisch deutsch. Nur ein Land aus vom Pietismus geprägten romantisch-empfindsamen Dichtern und Denkern, deren Gedankenfreiheit proportional zu ihrer politischen Unfreiheit ins innerlich Unermessliche steigt, scheint solche poetischen Wörter hervorgebracht haben zu können. Allein, es gibt Stimmen, die behaupten, mutterseelenallein sei durch einen dieser dummen Zufälle entstanden, die für die menschliche Sprache, die sich ja keiner ausdenkt, so typisch sind. Der geniale Céline-Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel beispielsweise verfocht in der arte-Sendung Karambolage vom 09.04.2006 die Auffassung, das Wort habe sich zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert aus einer Begegnung exilierter, da in ihrem Heimatland bekanntlich verfolgter französischer Protestanten mit Berlinern und Brandenburgern entwickelt. »Moi tout seul«, also »ich ganz allein«, scheinen diese in der Fremde offenbar recht einsamen Hugenotten oft genug geäußert zu haben, dass sich die Deutschen ihren eigenen Reim darauf machten und gleich noch die Übersetzung von seul anfügten. Aus »moi tout seul allein« sei durch sprachliche Verschleifungen infolge der Rückführung von Unbekanntem auf Bekanntes - schließlich konnten ja nicht alle Französisch - »mutterseelenallein« geworden. Der Duden und auch das überaus empfehlenswerte Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten von Lutz Röhrich wissen nichts von dieser Herleitung und führen das Ganze auf die Mutterseele, die Ähnliches wie Menschenseele bedeutet habe, zurück. Schöner ist freilich die Hybridgeschichte von den Hugenotten, die auf nicht polyglotte Berliner trafen. Und ein Argument, das man Sprachpuristen vor den Kopf knallen kann, liefert das Beispiel auch: Es gibt keine reinen nationalen Einzelsprachen, was überhaupt nichts macht und sprachlicher Schönheit keinerlei Abbruch tut. Die multikulturelle Gesellschaft, was immer man von ihr halten mag - in der Sprache hat sie sich immer schon sedimentiert.

JULI 2012

Backfisch

Der Backfisch mit knuspriger Teigumhüllung ist nicht nur eines der liebsten Gerichte meines kleinen Sohnes, sondern eine inzwischen etwas in die Jahre gekommene Bezeichnung für ein junges Mädchen, das noch nicht in die Jahre gekommen ist. In den 50er Jahren hießen die weiblichen Teenager so, welche für jene halbstarken Jungs schwärmten, die viel Zeit damit verbrachten, herablassend-unnahbare Gesichtsausdrücke à la James Dean einzuüben. Aber wieso waren diese weiblichen Schwarmgeister nun ausgerechnet Backfische?

Als Teenie-Bezeichnung leitet sich der Begriff aus dem Fischfang her. Backfische waren, so eine Erklärung, jene Fische, welche den Fischern ins Netz gingen, von diesen aber als zu klein erachtet wurden, um einen lohnenden, verzehrfertigen und damit gut verkäuflichen Fang abzugeben. Daher wurden sie von den Seeleuten aussortiert und wieder ins Meer zurück geworfen - diese unfertigen Fische sollten erst noch heranwachsen und were thrown back into the sea. Andere leiten den Namen daraus ab, dass die kleinen Fische über Backbord zurück in die Fluten geworfen wurden, von der Fahrtrichtung aus gesehen also über die linke Seite des Schiffes - genau dort, wo auch die Fischernetze ausgeworfen und eingeholt wurden. Wieder andere Stimmen gehen ebenfalls von den (zu) kleinen Fischen aus, argumentieren aber, dass sich das Back im Fisch von dessen alleiniger Eignung zum Backen (was sich früher auch für "braten" sagen ließ) ableite. Es habe sich um Fische gehandelt, die so klein und zart waren, dass man sie nicht kochen, sondern nur backen/braten konnte. Klein, noch nicht verzehr- bzw. vernaschbar, unfertig und zart - diese Attribute ließen den Backfisch irgendwann zur Metapher für junge Mädchen werden.

Schon im 16. Jahrhundert taucht der Begriff im Studentenjargon auf, damals allerdings noch nicht geschlechtsspezifisch und zudem in einer schwer durchdringbaren etymologischen Konkurrenz zum Baccalaureus, dem heutigen »Bachelor«, welcher die »jüngste« und unterste Stufe der akademischen Hierarchieleiter bezeichnet. Fischfangbezug und studentische Lust an der sprachlichen Volte mögen sich hier munter durchmischt haben. Ob es nun chauvinistische Neigungen waren, die für die Bedeutungsverschiebung vom jungen Studierenden zum jungen Mädchen schlechthin verantwortlich sind, lässt sich heute schwer klären. Nach diesem Argumentationsmuster wären Frauen immer schon unfertiger als Männer - ontogenetisch ein ziemlicher Unsinn, sind doch gerade die Mädchen beispielsweise früher windellos und sprachkompetent als die Jungen. Und Länder oder Omas überfallen sie auch seltener. Heute ist der Begriff zwar noch nicht vom Aussterben bedroht, aber ziemlich antiquiert - und mit ihm auch so schöne Kompositaableitungen wie die »Backfischliteratur« oder das »Backfischaquarium«. Letzteres war übrigens eine Bezeichnung für »Mädchenpensionat«.

JUNI 2012

die Arschkarte ziehen

Die Fußballeuropameisterschaft in Polen und der Ukraine steht - wie man so sagt - vor der Tür. Wer weiß, vielleicht wirft sie sogar ihre Schatten voraus. Was liegt da näher, als in unserer exquisiten Rubrik aus aktuellem Anlass eine fußballaffine Redewendung zu behandeln? Allerdings spricht einiges dafür, dass sich angemessener von Pseudofußballaffinität sprechen ließe. Auf jeden Fall handelt es sich beim Ziehen der Arschkarte um einen der letzten großen ungelösten etymologischen Kriminalfälle im Deutschen. Die Bedeutung ist klar: Wer die Arschkarte zieht, ist der Gelackmeierte, Benachteiligte einer Sache, wenn man es derb formulieren möchte: der Angeschissene. Doch woher kommt die Wendung? Gern wird dazu eben auf die Herkunft aus dem Fußball verwiesen: Die rote Karte bewahrt der Schiedsrichter in der Gesäßtasche auf, die gelbe in der Hemdtasche. Eine räumliche Trennung dieser mit so unterschiedlichen Konsequenzen verbundenen Karten am Körper des Unparteiischen ist sinnvoll, damit es nicht zu einem peinlichen und die Spieler- wie Zuschauergemüter unnötig erhitzenden versehentlichen Ziehen der Platzverweiskarte kommt, wenn man nur mit Gelb verwarnen wollte. Zudem ist es nachvollziehbar, dass die Karte mit der schwerwiegenderen Folge für einen Spieler weiter entfernt ist als die mit der weniger gravierenden. So hat der Referee bei der Roten ein wenig länger Zeit, sich zu fragen, ob das wirklich sein muss und es nicht vielleicht Dunkelgelb in Verbindung mit ein paar ernsthaften Mahnworten an den Delinquenten auch tun würde.

Eine andere verbreitete Erklärung für die unterschiedlichen Verwahrorte der beiden Karten führt diese auf das Schwarz-Weiß-Fernsehen zurück. Der Zuschauer habe damals vor dem Gerät den Unterschied zwischen Gelb und Rot nicht ausmachen können, daher habe man auf eine Lösung zurückgegriffen, bei der er wusste: Greift der Mann in Schwarz nach hinten, wird es ernst, beim Griff in die Brusttasche wird dagegen nur verwarnt.

Das klingt überzeugend, kann aber nicht sein. Denn die rote ist von der gelben Karte auch auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher gut zu unterscheiden: Gelb stellt sich als heller, rot aber als sehr dunkler Grauton dar. Zudem gibt es die Rote Karte als weithin sichtbares Symbol des Platzverweises erst seit der Fußballweltmeisterschaft 1970 - zuvor hatte man Platzverweise noch mündlich ausgesprochen, was in der Hitze des Fußballgefechts wiederholt zu Missverständnissen und Verwirrungen führte. 1970 aber wurden Fußballübertragungen längst in Farbe gezeigt. Auch das macht die Herleitung unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass längst nicht alle Schiedsrichter den roten vom gelben Karton räumlich trennen. Es gibt auch Fälle, wo sich beide Karten in der Brusttasche befinden - im Idealfall in zwei verschiedenen blickdichten, beschrifteten Hüllen, aus denen dann die jeweilige Karte entnommen wird.

Viel naheliegender ist aber noch ein anderer Einwand: Semantisch zieht die Arschkarte der vom Platz gestellte Spieler, im Spielalltag aber zieht er sie - wie jeder weiß - gerade nicht, sondern bekommt sie gezeigt. Käme die Redewendung also wirklich aus dem Fußball, dann müsste es heißen: Spieler X hat die Arschkarte gezeigt bekommen.

Bei der Rede vom Gezogenhaben der Arschkarte scheint es dagegen so, als sei der Betroffene selbst der Urheber seines Unglücks: Er zieht die Karte oder greift - in einem weiteren drastischen Bild - ins Klo. Das erinnert an Vorgänge des Auslosens, bei denen man Karten, Streichhölzer, Halme, Stäbchen oder auch Streifen ziehen muss. Wenn man dann Pech hat - den Metaphern ist nicht zu entkommen, hier einer solchen aus der Vogelstellerei: der an der Leimrute klebende Vogel, der dem Vogelsteller auf den Leim gegangen ist, hat Pech am Gefieder und stirbt daran -, wer also Pech hat, zieht den Kürzeren, wählte ursprünglich also das kürzere Hölzchen etc. und verlor damit. Mit diesem Losverfahren wurden früher gar Rechtsstreitigkeiten entschieden - quasi durch eine Art Gottesurteil. Und vielleicht kommt die Arschkarte aus einem ähnlichen Zusammenhang: Man zieht die falsche Karte, jene, bei der man eben der Arsch ist, der Gearschte oder auch der in den Arsch Gekniffene.

Letztlich aber bleibt die Frage nach der Herkunft der Wendung unbeantwortet. Sachdienliche Hinweise nimmt der Verfasser sehr gern entgegen.

MAI 2012

Honk

Was ist ein Honk? Ein Honk ist ein Idiot, eine Dumpfbacke, ein Versager, Trottel und peinlicher, ungebildeter Mensch - genau jener Sorte, die beim Namen »Macbeth« an ein Schnellrestaurant denkt. Woher kommt das Wort? Es ist ein besonders interessanter Terminus, sonst fände er sich nicht in unserer Rubrik, und seine Herkunft überlässt einiges der Unausgeleuchtetheit der Spekulation. Einige leiten das Wort aus dem schwarzen US-amerikanischen Slangwort »honky« ab. »Honky« taucht ab Mitte des letzten Jahrhunderts vermehrt als abwertende Bezeichnung für Menschen weißer Hautfarbe auf. Es bildet spätestens seit dem Auftreten militanter schwarzer Bürgerrechtler ab 1967 das sprachliche Gegenstück zum Wort »nigger«, in dem der grassierende weiße Rassenhass in den USA eine seiner unschönsten Ausprägungen fand. Warum aber »honky«? Auch da gehen die Meinungen auseinander. Einige leiten es aus »hunky« ab, einer Kurzform von »Bohunk«, was wiederum ein Kurzwort für »Bohemian-Hungarian« ist und sich mithin auf böhmische Ungarn bezieht. Die immigrierten im frühen 20. Jahrhundert nach Amerika. Das Wort hätte dann eine Bedeutungserweiterung auf Osteuropäer schlechthin und schließlich alle Weißen erfahren. Auch Bezüge zur westafrikanischen Sprache Wolof lassen sich herstellen. Am interessantesten ist aber die Ableitung aus dem Verb »to honk«, also »hupen«. Demzufolge waren im Sprachgebrauch der Afroamerikaner die »honks« jene Weißen, die in den 1910er Jahren in bekannten Rotlichtbezirken und in Stadtteilen wie Harlem ihre Autohupen betätigten, damit die Prostituierten aus den Häusern kamen und sich ihnen auf der Straße anboten. Die Hupe fungierte damals also als eine Art Outdoor-Ladenklingel.

In Deutschland wurde das Wort »honky« dann innerhalb der Jugendsprache - falls es so etwas gibt - zum Akronym »Honk« umgedeutet, zu einem Wort also, das aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter gebildet ist. Und das Initialwort »Honk« stand kurz für »Hauptschüler ohne nennenswerte Kenntnisse«. Manche wandelten es auch ab zu »Hirn ohne nennenswerte Kapazität«. Einige sagen, dass jene die Hauptschule diffamierende Umdeutung auf die Abkürzungsmanie der Bundeswehr zurückgehe. Der Dienstgrad »HonK« wäre dann die abwertende Bezeichnung der Rekruten mit höheren Bildungsweihen für die mit der einfacheren Schulbildung.

Vielleicht hat auch der Klang des Einsilbers sein Scherflein zur Bedeutung beigetragen. »Honk« - das hört sich ja nun wirklich an, als sei gerade ein unförmiger Gegenstand umgefallen, das klingt in seiner schlichten Pseudo-Onomatopoesie so plump und einfach, wie der Gemeinte vermeintlich gestrickt ist.

APRIL 2012

08/15 / nullachtfünfzehn

Nullachtfünfzehn sollen Texte möglichst nicht sein, fordern viele Werbeagenturen vom Texter. Sie sollen also nicht wie die der Konkurrenz klingen, nicht austauschbar und auf keinen Fall Teil der täglichen Wiederkehr des Immergleichen und -öden sein. Vielmehr sollen sie zu Distinktionsgewinnen verhelfen. Dazu müssen sie die Hürden der in der postmodernen Zeichenhölle längst ermüdeten und daher immer selektiver operierenden Wahrnehmung nehmen. Keine leichte Aufgabe, vor allem, wenn solcher Individualitätswille massenhaft auftritt, so dass inmitten des ständigen Eintreffens von Allerneuestem betonter Konformismus paradoxerweise schon wieder zur originellen Option wird.

Woher aber kommt der Begriff? Ist denn die Ziffernkombination »0815« wirklich irgendwie langweiliger als »0814« oder »0816«? Die Erklärung liegt in der Soldatensprache. Der Begriff bezieht sich auf das Maschinengewehr des Typs 08/15, das im Ersten Weltkrieg erstmals zum Einsatz kam. Es wurde im Jahr 1908 eingeführt und dann im Jahr 1915 verbessert - daher die »15« hinter dem Schrägstrich. Nun gibt es verschiedene Erklärungsansätze für den Bedeutungswandel weg vom konkreten MG-Typ hin zu einer allgemeinen Bezeichnung für Mittelmaß, Durchschnitt und Gewöhnlichkeit. Die einen führen diese Verschiebung auf die ermüdenden, immergleichen Übungen zurück, welche die deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg am MG 08/15 absolvieren mussten. Die anderen verweisen zur Erklärung auf den Umstand, dass das MG 08/15 das erste reichseinheitliche Maschinengewehr war. Zuvor lag die Verantwortung für die soldatische Ausrüstung bei den einzelnen Landesteilen, aus denen die Soldaten stammten. Das führte zu einem heillosen Durcheinander, als man in einer länderübergreifenden Armee kämpfte und immer wieder Ersatzteile benötigt wurden. Aufgrund dieses Wirrwarrs wurde das Königliche Fabrikationsbüro für Artillerie gegründet, das eine einheitliche Norm für die Waffenausrüstung schuf. Beim MG 08/15 handelt es sich um einen solchen verbindlichen Normtyp. Und der habe dann seine Bedeutungsverschlechterung zum »bloßen«, »nicht außergewöhnlichen« Normaltyp durchlaufen. Irgendwann konnten dann auch Frisuren, Urlaube oder eben Texte nullachtfünfzehn sein.

Ganz geklärt ist die Frage nach der Herkunft aber nicht. Denkbar wäre auch, dass das MG 08/15, das noch im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde, in diesem aber schon als veraltet und nicht mehr zeitgemäß galt, erst ab 1939 seine Karriere zum Synonym für unmoderne Massenware und das Gegenteil von State of the Art antrat. Jede der einzelnen Herleitungen setzt den konnotativen Akzent etwas anders. Und das ist gut so und liegt in der Logik der stets im Fluss befindlichen Sprache, die nur deshalb so gut funktioniert, weil sie gerade nicht genau ist. Klar ist jedenfalls eines: Für den in Kampfhandlungen verstrickten Soldaten dürfte ein 08/15-Tag der Routinen alles andere als ein Anlass zum Jammern sein. Nicht umsonst lautet eine alte chinesische Verwünschung: »Mögest du in interessanten Zeiten leben.«

MÄRZ 2012

ausmerzen

Mit dem Ausmerzen hat der Lektor einiges zu tun, ob es sich nun um veritable orthografische Fehler oder aber das Jäten von Stilblüten handelt. Aber woher kommt dieses so merkwürdig martialisch klingende Wort sprachgeschichtlich? Die Experten sind sich noch nicht hundertprozentig einig. Mit dem Martialischen, also dem Kriegerischen, hat es einigen zufolge jedenfalls zu tun. Demnach stecke im Ausmerzen der Monat März, der wiederum nach dem römischen Kriegsgott Mars benannt ist, dem dieser erste Monat im römischen Kalender geweiht war. Im März, so diese Deutungsschule, wurden in der Viehwirtschaft jene Schafe aus der Herde ausgeschieden, die zu schwach und wenig ertragversprechend waren. Sie sollten die eugenische Fort- und Höherentwicklung der Zucht nicht beeinträchtigen und seien deshalb entfernt worden. Meist dürfte das geheißen haben: Schlachtung. Die (aus)gesonderten Schafe nannte man auch Merzschafe. Noch heute spricht man vom Märzschaf, wenn jemand im März geboren wurde und man scherz- oder boshaft zum Ausdruck bringen möchte, dass es sich wohl nicht um eines der Geschöpfe der Güteklasse A handele. Seit dem 16. Jahrhundert ist der Gebrauch des Wortes in Land- und Viehwirtschaft belegt. Erst im 18. Jahrhundert kam es dann zu einer Metaphorisierung des Begriffs: Nun konnte man im Zusammenhang mit allen Vorgängen des Abteilens von etwas, das man gerade nicht haben möchte, vom Ausmerzen sprechen - auch bei der Fehlerteufelsaustreibung durch ein Korrektorat.

Eine unrühmliche Karriere machte das Wort dann im Rassenwahn des Nationalsozialismus mit seinen Reinheitsgeboten der Eugenik oder genauer - da man ja auch die deutsche Sprache von allem Fremd(wortartig)en reinhalten wollte -: der Erbgesundheitslehre. Hier wurde das Wort zum biologistischen Euphemismus für die Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und Geisteskranken.

Noch eine zweite etymologische Ableitung des Wortes gibt es. Sie ist in der 7. Auflage des Wahrig aus dem Jahr 2000 zu finden. Dort findet sich der Verweis auf das mittelhochdeutsche Wort merzen für Handel treiben. Zugleich wird auf das lateinische merx für Ware hingewiesen. Darin steckt dann auch der lateinische mercatus, der Markt. Wären dann die ausgemerzten Schafe also jene, die vom Handel ausgeschlossen worden sind, weil sie nicht genug Verkaufserlös einbrachten? Dazu erfahren wir leider nichts.

Interessant ist dabei auch noch zweierlei: zum einen, dass der philosophische Großkritiker des enthemmten Marktes, Karl Marx, durch die Wortwurzel seines Familiennamens mit dem bekämpften Feind möglicherweise verbunden ist und damit eventuell in guter psychoanalytischer Tradition ein verdrängtes Anderes seiner selbst angreift. Und zum anderen, dass die Tötung der ausgemerzten Schafe über ein paar etymologische Ecken auch mit dem dabei fließenden Blut verbunden ist: Denn der Mars, der rote Planet, ist vermutlich nach dem gleichnamigen römischen Kriegsgott benannt worden, weil sein eindringliches rotes Licht am Sternenhimmel an Krieg und Blut erinnerte.